Kopflos ragt der Cerro Paranal in den Himmel. Ohne viel
Federlesens haben die Ingenieure die Spitze des rund 2.600 Meter hohen
Berges weggesprengt. 300.000 Kubikmeter Gestein mussten für ein
Milliarden Euro teures technisches Wunderwerk weichen, das auf der Erde
seinesgleichen sucht: Das Very Large Telescope, abgekürzt VLT. Für die
hochsensiblen optischen Innereien solcher Teleskope gibt es weltweit nur
wenige Standorte. Der Berg in der Atacama-Wüste in Chile ist einer
dieser seltenen Plätze auf unserer Erde. 350 sternklare Nächte, stabile
atmosphärische Bedingungen und absolute Stille zeichnen diesen
entlegenen Ort aus. Ideal für Teleskope, tödlich für Lebewesen: Im
Umkreis von 50 Kilometern würde nichts den nächsten Tag überleben, so
extrem sind die Bedingungen in dieser unwirklichen Welt.
Mit dem VLT wurde ein neues Kapitel in der Astronomie
aufgeschlagen. Es ist eines der leistungsfähigsten optischen Teleskop
der Welt mit einer Gesamtspiegelfläche von 200 Quadratmetern. Sein
Geheimnis: Vier Teleskope sind über eine trickreiche Konstruktion
miteinander verbunden und bündeln das extrem schwache Licht, das seit
Millionen von Jahren durchs All irrt. Nachdem die Bauarbeiten am Very
Large Telescope abgeschlossen waren, ging ein lang gehegter Traum der
Astronomen in Erfüllung: Die Europäische Südsternwarte (ESO) hatte 1987
mit dem VLT ein Projekt ins Leben gerufen, das in vielerlei Hinsicht
neue Maßstäbe setzte: Die vier Teleskope des VLT messen im Durchmesser
jeweils 8,2 Meter und lassen nach dem Endausbau per
VLT-Interferometrie
zu einem Riesenteleskop zusammenschalten. Bei einer einstündigen
Belichtung nehmen die Astronomen damit Himmelskörper auf, die vier
Milliarden mal lichtschwächer sind als die schwächsten Sterne, die das
bloße Auge noch sieht. Mit dem VLT und den daran angeschlossen
Computersystemen können vollautomatisch Wellenlängen vom nahen
Ultraviolett bis hin zu Infrarotstrahlung von 25 Mikrometern analysiert
werden.
Die gigantischen Hauptspiegel des VLT sind nur 17,5 Zentimeter
dick und würden sich unter ihrer eigenen Last völlig verformen. Jeder
Spiegel liegt deshalb auf 150 beweglichen Stempeln (Aktuatoren), die
computergesteuert während der Beobachtung die Lage der optischen Fläche
kontrollieren und korrigieren. Dies geschieht etwa alle 30 Sekunden.
Deshalb arbeitet das Very Large Telescope unabhängig von etwaigen
Temperaturschwankungen oder der Ausrichtung des Teleskops. Das
Spezialglas wurde in einem langwierigen Prozess in den
Mainzer
Schott-Glaswerken hergestellt und von Optik-Spezialisten in Frankreich
poliert. Höchste Präzision war dabei gefordert: Von der Idealform sollte
der Spiegel maximal 20 Millionstel Millimeter abweichen. Neben den vier
8,2-Meter-Spiegel hat das VLT noch drei weitere Hilfsteleskope, die mit
1,8-Meter-Spiegeln ausgestattet sind.
Und hier einige der wissenschaftlichen Fragen, die das VLT in Zukunft
klären soll:
Wird
sich das Universum endlos ausdehnen oder zieht es sich irgendwann wieder
zusammen?
Ist das Universum offen oder geschlossen?
Wann haben sich nach dem Urknall die ersten Sterne und Galaxien
gebildet?
Was löst die Entstehung von Objekten aus, die Licht aussenden?
Woraus besteht die dunkle Materie, die das Universum füllt?
Hat jede Supergalaxie ein schwarzes Loch in ihrem Zentrum?
Haben sich außerhalb unseres Sonnensystems andere Planetensysteme
gebildet?
©
Jörg Reichertz,
22. März 2005, alle Rechte vorbehalten