Während
einer Sonnenfinsternis können Sie viele Naturphänomene beobachten und
erfahren, die Sie Ihr Leben lang nicht vergessen werden. Weil jeder
Augenblick kostbar ist, sollten Sie sich schon vor dem Beginn einer
Sonnenfinsternis intensiv mit den faszinierenden Erscheinungen
beschäftigen. Um so intensiver und bewusster nehmen Sie das Geschehen
wahr, wenn die schwarze Sonne erscheint. Oder, in den poetischen Worten
von Adalbert Stifter während der Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842: "Es
war der Moment, da Gott redete und die Menschen horchten".
Protuberanzen
Mit
dem Teleskop lassen sich während der totalen Sonnenfinsternis
Protuberanzen beobachten. Ihre Intensität und Ausmaße hängen von der
Sonnenaktivität ab. Wer mit dem bloßen Auge schaut, kann unter Umständen
sogar einen rosaroten Schimmer am Mondrand sehen.
Phänomene am Himmel
Im Verlauf einer
Sonnenfinsternis verändern sich die Farben am Himmel und auf der Erde.
Der Himmel beispielsweise wechselt vom gewohnten Hellblau in ein tiefes
Dunkelblau. Schatten wirken deutlich schärfer als sonst. Dieser Effekt
verstärkt sich noch. Am Horizont sind je nach Wetterlage und Bewölkung
auch intensive Farbspiele zu sehen.
Plötzlicher Temperatursturz
Während einer totalen Sonnenfinsternis sinkt die Temperatur. Im Schnitt
fällt sie vier bis sechs Grad ab. Dadurch verändern sich die
metrologischen Bedingungen (z.B. Luftdruck und Feuchtigkeit) am
Beobachtungsort und andere Naturphänomene treten in Erscheinung. Dazu
gehört der Finsterniswind, der dem Geschehen einen unheimlichen
Charakter verleiht. Wer an diesem Tag sein Beobachtungsprogramm auf lose
Zettel notiert hat, sollte auf eine kleine Überraschung gefasst sein.
Finsterniswind
Wenn sich die Temperatur plötzlich ändern, geraten gewaltige Luftmassen
in Bewegung. Kalte Luft sinkt zu Boden, warme Luft steigt auf. Dadurch
kann kurz vor einer Sonnenfinsternis der bewölkte Himmel aufreißen. Eine
kleine Hoffnung für alle, deren Beobachtungsprogramm durch schlechte
Wetterbedingungen durchkreuzt wird.
Sternenhimmel
Während der Sonnenfinsternis sind auch Sterne zu sehen. Am Taghimmel
kann man beispielsweise je nach Jahres- und Uhrzeit Sterne wie Sirius,
Prokyon, Capella,
Regulus, Kastor und
Pollux beobachten. Könnte man mit
den Augen eines Computers sehen, würde man bemerken, dass die Sterne in
unmittelbarer Nähe der Sonne nicht exakt dort stehen, wo sie sonst zu
finden sind. Ihr Licht wird nämlich durch die Gravitation der Sonne um
etwa 1,75 Bogensekunden abgelenkt. Diesen Effekt hatte Einstein bereits
1915 vorhergesagt. Er wurde 1919 bei einer Expedition, die A. Eddington
leitete, bestätigt. Heutige Astronomen müssen nicht mehr warten, bis
sich die Sonne verfinstert: Sie können Einsteins Vorhersagen an Hand von
Radioquellen, den
so genannten Quasaren, nachweisen.
Planeten
Bei optimalen Bedingungen können Sie einige Planeten, etwa die
Venus,
mitten am Tag erkennen. Bei der Sonnenfinsternis von 1999 beispielsweise
stand Venus etwa 15 Grad östlich
von der Sonne. Wer sich vorher die Himmelskonstellationen einprägt, kann
mit etwas Glück sogar den Merkur erwischen. Was Sie garantiert nicht zu
Gesicht bekommen: Den Planeten Vulkan. Ihn haben Astronomen im letzten
Jahrhundert verzweifelt gesucht. Urbain J. J. Leverrier hatte um 1846
die Planetenbahnen mit den Mitteln der klassischen Himmelsmechanik neu
berechnet und dabei festgestellt, dass die Bahn von Merkur sich nicht in
seine Vorhersagen fügte. Seine Erklärung für die Anomalie: Der bis dato
unbekannte Planet "Vulkanus" störe die Bahn des Merkur. Wie immer gibt
es auch für dieses Phänomen eine naturwissenschaftliche Erklärung: In
Einsteins Gleichungen der Relativitätstheorie verwandelt sich Vulkan in
eine Krümmung des Raums. Damit war das Rätsel der so genannten
Merkur-Peripheldrehung gelöst, so die wissenschaftliche Bezeichnung
dieses Phänomens.
Kometen
Das wäre nun wirklich zu viel des Glücks: Wenn Sie während der totalen
Sonnenfinsternis einen Kometen entdecken, der in die Sonne stürzt.
Unmöglich ist das nicht. Schließlich hat der
Sonnenbeobachtungssatellit SOHO solche Ereignisse regelmäßig
fotografiert. Falls Sie keinen Kometen zu Gesicht bekommen - macht
nichts: vielleicht entdecken Sie während der Sonnenfinsternis einen
Satelliten oder die internationale Raumstation ISS?
Perlschnurphänomen
Wenn sich der Mond vor die Sonne schiebt, treten kurz vor Beginn der
Totalität helle Lichtpunkte an die Stelle der hauchdünnen Sonnensichel.
Diese Erscheinung ist noch einmal am Ende der Totalität zu sehen. Der
Mond hat nämlich keinen absolut kreisförmigen Umriss, Mondberge und
Tiefebenen formen die tatsächliche Gestalt des Mondes.
Brillantring
Sobald nur noch ein Lichtpunkt zu sehen ist, spricht man vom so genannten
Brillantring. Dieser Effekt ist nur wenige Sekunden zu sehen. Sobald der
Brillantring verschwunden ist, kann die Sonnenfinsternis mit bloßem Auge
beobachtet werden.
Fliegende Schatten
Wer sich vom Anblick der Sonne losreißen kann, sollte einen Blick auf
den Boden werfen: Dort sind die so genannten fliegenden Schatten zu
sehen, die wie die übrigen Naturphänomene nur bei einer totalen
Sonnenfinsternis beobachten werden können. Diese Schatten sind ein rasch
wechselndes Muster aus hellen und dunklen Streifen. Ihre Breite beträgt
zwei bis sechs Zentimeter.
Jörg
Reichertz
©
Jörg Reichertz,
22. März 2005, alle Rechte vorbehalten